Es gibt nicht die eine richtige Art
Die meisten Artikel über Elektro-Roadtrips lesen sich, als gäbe es genau eine Lösung: optimieren. Reichweite ausreizen, Ladestopps minimieren, Wüste bezwingen.
Ich kenne drei Leute, die dieselbe Strecke fahren – Los Angeles nach Las Vegas über die I-15 – und keiner von ihnen macht es wie die anderen. Alle drei kommen an. Das ist der eigentliche Punkt dieses Artikels: Reichweitenangst ist selten ein technisches Problem. Sie ist ein Tempo-Problem.
Die Technik dahinter – Ladekurven, 80-%-Regel, Wetter, Höhe – steht ausführlich in unserem Beitrag Langstrecke im Elektroauto. Hier geht es um etwas anderes: darum, welcher Typ Sie sind.
Martin: der Rechner
Martin ist Testfahrer bei uns – seine Reise wurde kostenfrei bereitgestellt.
Martin fährt regelmäßig von Las Vegas nach Colorado, mit Dachzelt, und er plant seine Fahrten durch, bevor er losfährt. Er will die Zahlen vorher stimmig haben.
Von ihm stammt der nützlichste Hinweis, den ich in diesem Zusammenhang kenne: Bergauf ändert sich der Verbrauch drastisch. Nicht ein bisschen – drastisch. Wer eine Strecke nach Kilometern plant und die Höhenmeter ignoriert, kommt mit deutlich weniger Reserve oben an als gedacht.
Auf der I-15 ist das keine Theorie. Die Strecke klettert über den Cajon Pass (rund 1.150 Meter) und später über den Mountain Pass (rund 1.440 Meter). Das sind keine Alpenpässe, aber es ist auch nicht die norddeutsche Tiefebene, und die Batterie merkt den Unterschied.
Martins Ansatz ist völlig legitim. Für Leute, die gerne vorher wissen, woran sie sind, ist er sogar der richtige. Genau für diese Denkweise haben wir Klausy gebaut – den Concierge, der die Route mit Höhenprofil vorab durchrechnet, damit man nicht unterwegs raten muss.
Remo: der Durchfahrer
Remo ist ebenfalls Testfahrer – auch seine Reise wurde kostenfrei bereitgestellt.
Remo campt seit Jahren und denkt über das Thema Laden schlicht nicht mehr nach. Er hat mir erzählt, dass er die Strecke mit einem einzigen Ladestopp gefahren ist. Einmal anhalten, laden, weiter.
Das geht – und es ist keine Angeberei. Die I-15 ist einer der am besten ausgebauten Ladekorridore der USA. Wer ein Long-Range-Modell fährt, voll losfährt und keine großen Umwege macht, kommt mit wenigen Stopps hin.
Als grobe Orientierung gelten auf dieser Strecke drei Punkte:
- Yermo / Eddie World kurz vor Barstow – viele Ladepunkte, Snacks, saubere Toiletten. Übliche Ladezeit je nach Akkustand etwa 20 bis 30 Minuten.
- Baker – bekannt für das riesige Thermometer, mit einem großen Ladepark. Gut zum kurzen Nachladen und Beinevertreten.
- Primm direkt an der Grenze zu Nevada – der letzte Punkt, um vollzuladen, damit man in Las Vegas selbst keinen freien Lader mehr suchen muss.
Diese drei sind allgemein bekannte Anlaufstellen auf der I-15, keine persönliche Empfehlung aus meinem eigenen Fahrtenbuch – ich fahre die Strecke anders, dazu gleich mehr.
Ich: die, die sich Zeit lässt
Ich fahre diese Strecke bewusst anders. Wenn Sie wissen wollen, wie man sie möglichst schnell hinter sich bringt, sind Martin und Remo die richtigen Ansprechpartner. Mich hat das nie interessiert – ich war auf dieser Strecke noch nie in Eile, und genau das ist der Punkt.
Beim Camping gilt für uns die 3-3-3-Regel, eine bewährte Faustregel: höchstens rund 300 Meilen am Tag, bis etwa 15 Uhr am Platz sein, mindestens drei Nächte am selben Ort bleiben.
Wer so fährt, hat die Ladefrage nicht. Man lädt über Nacht dort, wo man schläft. Man lädt, während man isst. Der Akku ist nie das Thema, weil er nie knapp wird.
Das ist keine Bescheidenheit, sondern der eigentliche Grund für diese Reiseform. Weniger ist beim Camping mehr: mehr Zeit für die Landschaft, weniger Zeit für die Ausrüstung. Wer den Südwesten in vier Tagen abhaken will, sollte fliegen und einen Verbrenner mieten. Wer ihn sehen will, braucht das Tempo ohnehin nicht.
Was wirklich über die Fahrzeit entscheidet
Und jetzt der Punkt, den ich in keinem deutschen Reisebericht gefunden habe, obwohl er praktisch der wichtigste ist:
Nicht das Laden entscheidet, wie lange Sie brauchen. Der Verkehr entscheidet es.
Dieselbe Strecke, gleiche Auto, gleicher Fahrer:
- Freitagnachmittag oder am Wochenende, besonders nachts: rund 6 Stunden.
- Unter der Woche: 4 bis 5 Stunden.
Las Vegas ist das Wochenendziel für halb Südkalifornien. Die I-15 ist am Freitag stadtauswärts und am Sonntag stadteinwärts voll, und zwar richtig voll.
Rechnen Sie das mal gegen: Ein Ladestopp kostet Sie 20 bis 30 Minuten. Der falsche Wochentag kostet Sie zwei Stunden. Trotzdem sorgen sich alle um das Laden und niemand um den Kalender.
Das ist etwas, das man erst merkt, wenn man hier lebt. Wer mit festem Reiseplan aus Deutschland kommt, fährt an dem Tag, an dem der Plan es vorsieht – und wundert sich dann über die Fahrzeit.
Zwei Dinge, die tatsächlich anstrengender sind
Damit das hier kein Werbetext wird – zwei Sachen sind im Elektroauto auf dieser Strecke wirklich fordernder als im Verbrenner:
Tempo kostet überproportional. Auf der I-15 fließt der Verkehr mit 75 bis 80 mph (etwa 120 bis 130 km/h). Der Luftwiderstand steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit, und die reale Reichweite sinkt bei diesen Tempi spürbar – je nach Bedingungen um bis zu 20 bis 30 Prozent gegenüber dem Normwert. Das ist kein Defekt, das ist Physik, und es gilt für jedes E-Auto.
Hitze kostet zusätzlich. In der Mojave sind über 40 °C im Sommer normal. Die Klimaanlage läuft dann dauerhaft, und das schlägt auf den Verbrauch. Der beste Trick dagegen ist unspektakulär: den Innenraum vorkühlen, solange das Auto noch am Kabel hängt. Was am Ladepunkt gekühlt wird, muss unterwegs nicht aus dem Akku kommen.
Beides ist planbar. Beides ist kein Grund, es zu lassen. Aber es einfach wegzulassen wäre unehrlich.
Welcher Typ sind Sie?
Wenn Sie gerne vorher rechnen: Martins Weg. Planen Sie die Höhenmeter mit ein, lassen Sie sich die Route vorher durchrechnen, und Sie werden unterwegs nicht überrascht.
Wenn Sie Erfahrung haben und einfach fahren wollen: Remos Weg. Die I-15 gibt das her.
Wenn Sie zum Schauen herkommen: meiner. Fahren Sie unter der Woche, fahren Sie 300 Meilen, seien Sie um drei da. Dann stellt sich die Frage nach der Reichweite gar nicht erst.
Es gibt hier kein Richtig. Es gibt nur die Variante, die zu Ihnen passt – und es hilft ungemein, das vor der Buchung zu wissen statt danach.
